Gustave Flaubert: „Denken wir an nichts, weder an die Zukunft noch an uns selbst, denn denken heißt leiden“.
Flaubert hat recht, aber nur bis zu einem gewissen Punkt und nur von einem gewissen Standpunkt aus. Zunächst müssen wir versuchen zu verstehen, was er erlebt hat, was ihm beim Nachdenken Leid und Schmerz bereitet hat. Das Zitat stammt aus einem Brief, den er am 4. August 1846 um Mitternacht an seine Geliebte Louise Colet schrieb. „Noch vor zwölf Stunden waren wir zusammen und genau in diesem Augenblick hielt ich dich gestern in meinen Armen!“ Vor diesem Hintergrund ist die Quelle seines Schmerzes offensichtlich. Er ist verliebt, und sein Schmerz rührt von seinen Gedanken an sie her.
Dennoch sehen die meisten Menschen das Denken nicht als Ursache von Leiden an. Das liegt vor allem daran, dass viele Menschen glauben, Denken sei etwas, was passiert, wenn wir nicht beschäftigt sind und unsere Gedanken wie wild gewordene Bienen umherfliegen, ohne innezuhalten oder gründlich nachzudenken. Dabei entsteht kein Schmerz, es sei denn, die Gedanken treffen auf eine schmerzhafte Erinnerung. Aber das ist eigentlich kein richtiges Denken. Es handelt sich vielmehr um einen Tagtraum, in dem du deinen Gedanken einfach freien Lauf lässt.
Sobald du deinen Verstand auf ein bestimmtes Problem oder eine wichtige Entscheidung richten musst, die sich auf deine Zukunft und/oder die deiner Familie auswirkt, kann Nachdenken schmerzhaft sein – besonders für einen Verstand, der nicht an konzentriertes Denken gewöhnt ist. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass du durchs Leben gehst, ohne mit Problemen und Dilemmata konfrontiert zu werden, die dich beschäftigen.
Ein Beispiel:
- Du musst entscheiden, ob du den neuen Job, der dir in einer anderen Stadt angeboten wurde, annehmen willst.
- Du musst dich auf die Unsicherheiten einstellen, die der Klimawandel mit sich bringt.
- Du musst Anpassungen vornehmen, die aufgrund einer grassierenden Pandemie notwendig sind.
Diese Entscheidungen sind wichtig für dein Leben, aber du schiebst sie auf, weil du Angst hast, eine Entscheidung zu treffen, die du später bereuen wirst. Eigentlich vertraust du auf deine eigenen Fähigkeiten und weißt, dass du in der Regel richtig liegst, schließlich hast du viel Erfahrung und kennst dich besser aus als die meisten Menschen, die du kennst.
Aber du machst dir große Sorgen um die Zukunft wegen der Ungewissheit über den Klimawandel und weitere Pandemien. Du fragst dich, wie sich die „neue Normalität“ auf dein Leben auswirken wird. Wie wird es finanziell und gesundheitlich in Zukunft für dich aussehen?
Gleichzeitig bist du misstrauisch gegenüber dem, was du liest und hörst, weil es so viele Falschmeldungen gibt. Natürlich gibt es Menschen, die du für kompetent hältst und denen du immer noch glaubst, aber trotzdem schleichen sich Zweifel ein und verunsichern dich.
Doch du kannst ungeachtet der sozioökonomischen Aussichten deine Ziele erreichen und deine Träume verwirklichen. Das Buch, das du in den Händen hältst, wird dir helfen, all diese Dilemmas und Unsicherheiten zu überwinden.
Die meisten von euch kennen wahrscheinlich den Begriff „kritisches Denken“, und viele von euch haben sicher auch schon von der Sokratischen Methode gehört, aber was haben diese beiden Begriffe gemeinsam und wie hängen sie zusammen? In diesem Buch begibst du dich auf eine kleine Reise in die Gedankenwelt des Sokrates, tauchst in das Konzept des kritischen Denkens ein und findest heraus, was genau es damit auf sich hat.
Darin findest du Techniken, die dir helfen, rational zu denken, vernünftig zu kommunizieren und die richtigen Fragen zu stellen, um die Antworten zu bekommen, die du willst. Außerdem lernst du, wie du die Wahrheit über Dinge herausfindest, die dich betreffen, ohne dich davon beeinflussen zu lassen, was andere denken oder sagen. Auf diese Weise wirst du in der Lage sein, in allen Lebenslagen gut überlegte Entscheidungen zu treffen und zu vernünftigen Schlussfolgerungen zu gelangen.
Ich habe eine preisgekrönte Kurzgeschichte und ein BBC-Hörspiel veröffentlicht und bin professioneller Autor. Meine langjährige Erfahrung in den Bereichen Systemanalyse, -design und -entwicklung hat mich gelehrt, wie wichtig eine gründliche Analyse ist und dass man hinter das Offensichtliche schauen und das Unerwartete erwarten muss. Dies ist mein zehntes Buch, und in gewisser Weise haben viele meiner früheren Bücher, wie etwa mein zweites Buch, Systems Analysis and Design, mich dazu veranlasst, ein Buch über die sokratische Methode und kritisches Denken zu schreiben.
Während meiner Kindheit auf verschiedenen Stationen im afrikanischen Busch und während meiner Schulzeit in Internaten im damaligen Südrhodesien (heute Simbabwe) suchte ich nach Antworten, die mir weder meine Eltern noch meine Lehrer geben konnten.
Ganz zu schweigen von der Frage nach dem Sinn des Lebens: Ich wollte wissen, was ein Kommunist ist und warum mich der stellvertretende Schulleiter einen „kommunistischen Funktionär“ nannte. Um den Kontext zu verdeutlichen: Es war 1965 – das Jahr, in dem die Regierung Rhodesiens einseitig ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erklärte. Ich war damals 14 Jahre alt und mitverantwortlich für einen „Essensaufstand“ in der Schule, einen Protest gegen die Qualität des Essens in der Mensa. Vieles habe ich damals noch nicht verstanden. Es war mein sechstes Jahr im Internat und ich fühlte mich wie ein ungewolltes Kind, ein Waisenkind.
Das ist kein Vorwurf an meine Eltern, die liebevolle, aufrichtige und gütige Menschen waren, aber ihre Welt war nicht meine Welt. Es waren die Jahrzehnte der Proteste gegen den Vietnamkrieg und des Rock’n’Roll, und Teenager auf der ganzen Welt stellten infrage, wie die Dinge liefen und warum sie so laufen mussten.
Für mich war das völliges Neuland, ich musste Grenzen austesten, bekam dafür Ärger und habe seitdem nicht aufgehört, Fragen zu stellen. Als ich die Anfrage bekam, dieses Buch zu schreiben, war es, als ob all die Jahre des Außenseitertums plötzlich einen Sinn ergaben. All meine Reisen um die Welt, meine Erfahrungen, auf Granit zu beißen und vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen, haben mich dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben. In gewisser Weise hat es mir Antworten auf Fragen gegeben, die ich mir bis dahin nicht einmal gestellt hatte. Ich hoffe, dass du beim Lesen genauso viel Freude hast wie ich beim Schreiben.
Kapitel 1: Die Bedeutung von kritischem Denken
Im Alter von 27 Jahren zog Dave in eine kleine Stadt in der südafrikanischen Provinz Ostkap. Er schrieb sich an der dortigen Universität ein und freute sich auf das Studentenleben, denn er wollte dem Stress entfliehen, den das Leben als Soldat und Farmer in dem Land, das gerade zu Simbabwe wurde, mit sich brachte. Eines Samstags im Januar fuhr er mit seinem Motorrad zu einem Hotel außerhalb der Stadt, in dem ein Freund als Barkeeper arbeitete. Brads Einladung, bei ihm zu übernachten, lehnte Dave ab. Auf dem Nachhauseweg fuhr er auf einer kurvenreichen Straße einen Hügel hinauf und sah ein Auto auf seiner Straßenseite direkt auf sich zukommen.
An diesem Wochenende war auch die Hochzeit von Larrys Schwester. Als Larry die Hochzeitsfeier verließ, um nach Hause zu fahren, versuchten Freunde und Familie, ihn davon abzubringen. Sie wussten, wie viel er getrunken hatte. Sie luden ihn ein, die Nacht bei ihnen zu verbringen und am nächsten Tag weiterzufahren. Larry lachte und sagte, er könne fahren, er kenne die Straße und sei schon hunderte Male von seinem kleinen Bauernhof in die Stadt gefahren. Er ignorierte ihren Einwand, stieg in sein Auto und verschwand binnen Minuten hinter der Stadtgrenze.
Was dann geschah, weiß Larry nicht mehr genau. Er erinnert sich vage an einen einzelnen Scheinwerfer, der direkt vor ihm über dem Hügel auftauchte.
Was dachte Larry, als er in sein Auto stieg? Was dachten seine Freunde, als er losfuhr, obwohl sie wussten, dass er nicht mehr fahren sollte? Falls sie überhaupt nachgedacht haben, dann waren sie nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte.
Dave starb in dieser Nacht. Was dachte er, als er Brads Angebot, bei ihm zu übernachten, ablehnte? Er lebte allein und hatte keine Haustiere, die seine Anwesenheit verlangten.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner der Anwesenden in dieser verhängnisvollen Nacht etwas von kritischem Denken verstand – und das hatte fatale Folgen.
Natürlich führt nicht jedes Ereignis, bei dem du nicht kritisch denkst, zu einer Tragödie. Doch was genau ist eigentlich kritisches Denken und wird es einen Unterschied in deinem Leben machen? Um die zweite Frage zu beantworten: Kritisches Denken wird zweifellos einen positiven Einfluss auf dich und deine Weltanschauung haben.
Kritisches Denken ist eine Methode des Nachdenkens über all die kleinen und großen Herausforderungen, denen du dein Leben lang begegnen wirst. Es ist die Art, über Ereignisse und Ideen nachzudenken, anstatt sie einfach für bare Münze zu nehmen. Eine Definition, die überall im Internet zu finden ist, besagt, dass kritisches Denken „diszipliniertes, klarsichtiges, rationales, unvoreingenommenes und auf Fakten basierendes Denken“ ist.∗
Diese Definition ist kurz und prägnant, aber auch sehr begrenzt. Sie erwähnt weder den entscheidenden Aspekt des Kontextes noch die Methoden und Grundsätze, die in diesem Prozess angewandt werden sollten. Die folgende Definition von Peter Facione und The Delphi Project ist wesentlich präziser:
„Ein zielgerichtetes, reflektiertes Urteilsvermögen, das sich in einer wohlüberlegten Bewertung aller Fakten, Zusammenhänge, Methoden, Grundsätze und Konzepte äußert, um zu entscheiden, was man glauben oder wie man handeln soll“.∗
Nehmen wir nun die Elemente des kritischen Denkens unter die Lupe und befassen uns mit den Wesenszügen, der Denkweise und den Grundsätzen, die du bei deinen Erwägungen und Entscheidungen anwenden solltest.
Die Elemente kritischen Denkens
Die Fähigkeit, rational und logisch zu denken, ist die Grundlage für kritisches Denken. Glücklicherweise sind rationales und logisches Denken Fähigkeiten, die man erlernen kann.
Kritisches Denken ist weit mehr als eine Fähigkeit. Es ist vielmehr eine Gewohnheit und wird auch als Denkweise oder Geisteshaltung bezeichnet. Darüber hinaus besteht es aus einer Kombination von Eigenschaften und Einstellungen. Um die Eigenschaften kritisch denkender Menschen zu untersuchen, ist die Liste, die Dr. Peter Facione für die Zusammenfassung des Delphi-Berichts erstellt hat, ein guter Ausgangspunkt.
Das Konzept des kritischen Denkens geht über die in Tabelle 1 aufgeführten Eigenschaften hinaus. Bevor wir uns jedoch näher mit den Eigenschaften und Einstellungen kritischer Denker befassen, überlege, wie viele Menschen du kennst, die kritisch denken. Überlege nun, wie viele Menschen du kennst, die tiefgründig oder sogar philosophisch denken, aber keine kritischen Denker sind. Vergleiche die Anzahl dieser beiden Gruppen mit der Gesamtzahl der Personen, die du kennst. Frage dich jetzt, ob du mit Selbstvertrauen und Überzeugung sagen könntest: „Viele Menschen, die ich kenne, denken nicht kritisch“ oder „Die meisten Menschen, die ich kenne, denken nicht kritisch“.
Für viele Menschen, die ich kenne, trifft das zweifellos zu. Anstatt kritisch zu denken und den Status quo zu hinterfragen, rechtfertigen sie Situationen mit Aussagen wie „das ist die Norm“ oder „das ist ganz normal“ (entschuldige die Klischees, aber so reden sie eben). Es handelt sich um Menschen, die zwar zu kritischem Denken in Bezug auf Bildung und Intellekt fähig sind, sich aber in eine Komfortzone zurückgezogen haben oder selbstzufrieden mit der Welt um sie herum sind.
Sehen wir uns diese beiden Plattitüden einmal genauer an und fragen uns: Was wäre, wenn niemand jemals die Norm infrage gestellt hätte? Hätten wir heute den gleichen technischen Wissensstand? Gäbe es die einzigartigen Kunstwerke von van Gogh, Picasso oder Dali? Hätten wir die herausragenden literarischen Werke, die in den Bibliotheken der Welt zu finden sind?
Manche sagen dann: „Das war schon immer so.“ Oder: „Was kann ein einzelner Mensch schon ändern?“ An dieser Stelle könnte man sich fragen, was das Adverb „immer“ in diesem Zusammenhang bedeutet. Bedeutet es, dass es seit Anbeginn der Zeit so ist, oder ist die Bedeutung begrenzter, z. B. so lange, wie dein Vater sich erinnern kann? Die Frage, welchen Unterschied eine einzelne Person machen kann, lässt sich anhand dieser Geschichte beantworten.
Eine Frau, die in einer Küstenstadt lebt, macht jeden Tag lange Spaziergänge am Strand. Jedes Mal nimmt sie ein Stück Müll mit, das sie am Strand findet, etwa eine Plastikflasche oder eine Chipstüte. Ihre Freunde machen sie auf den vielen Müll am Strand aufmerksam und fragen: „Wozu das alles? Was macht das für einen Unterschied?“
Darauf antwortet sie: „Wenn ich das nächste Mal hierherkomme, weiß ich, dass hier ein Stück Müll weniger herumliegt.“
Was wäre, wenn alle ihre Freundinnen und Freunde das Gleiche tun würden, sich die Idee herumspricht und immer mehr Menschen mitmachen? Saubere Strände, saubere Strände! Wer will saubere Strände?
Auch Sokrates war nur ein Mensch. Hätte er nicht angefangen, Fragen zu stellen, würdest du dieses Buch heute nicht lesen. Vielleicht würden wir immer noch in einer Stadt wie dem alten Athen leben.
Man kann auch als Einzelner etwas bewirken. Außerdem weiß man nie, wen man ermutigen kann, seine Denkmuster und -blockaden infrage zu stellen.
Kritisch zu denken bedeutet nicht, die großen und sofort notwendigen Veränderungen in der Welt, in der man lebt, zu analysieren und infrage zu stellen. Es beginnt mit kleinen Veränderungen in deinem Leben – und die erste Veränderung ist, dass du anfängst, kritisch zu denken. So könntest du anfangen, den Aberglauben infrage zu stellen, den du vielleicht von deinen Großeltern oder deiner Mutter gelernt hast.
Ein Beispiel: Wenn du bei Tisch Salz verschüttest und eine Prise über die Schulter wirfst, warum tust du das? Was würde passieren, wenn du die Prise nicht über die Schulter wirfst? Die Antwort, dass etwas Schreckliches passieren wird, ist nicht konkret genug. Bestimme genau, was das Schreckliche sein wird, und frage dich, warum du diesen obskuren Brauch immer noch befolgst.
Ist Freitag der 13. in deiner Familie oder in deinem Glauben ein Unglückstag? Wenn ja, warum?
Auch wenn es kein Unglück bringt, unter einer Leiter hindurchzugehen, ist es dennoch ratsam, es nicht zu tun. Wenn jemand oben arbeitet, besteht immer die Gefahr, dass etwas herunterfällt. Aber auch wenn niemand auf der Leiter steht, ist es sinnvoll, nicht unter einer Leiter hindurchzugehen. Wenn z. B. jemand, der außerhalb der Leiter steht, gegen das Bein stolpert oder die Leiter verrutscht, kann sie auf dich fallen.
Deinen Aberglauben infrage zu stellen, ist eine recht einfache Möglichkeit, Aspekte deines Lebens infrage zu stellen, die du bisher unhinterfragt akzeptiert hast. Wenn du etwas Anspruchsvolleres willst, überprüfe dein Verhalten, deine Stimmungen und deine Reaktionen.
Finde heraus, unter welchen Umständen du dich am schlechtesten fühlst. Dann analysiere, welche Ereignisse, Worte oder Handlungen deine Stimmung verändern und was genau die Knöpfe drückt, die dein schlechtes Selbst auslösen. Finde heraus, was das Schlechteste in dir zum Vorschein bringt und frage dich, wie du dich dabei fühlst.
Mache dir dabei Notizen, damit du deine Schritte und Entscheidungen nachvollziehen und überdenken kannst. Sobald du weißt, wie du dich fühlst, wenn dein schlechteres Selbst zum Vorschein kommt, frage dich, was diesen Aspekt an die Oberfläche gebracht hat. Stelle dir dann die Frage, warum er jetzt im Mittelpunkt steht.
Für kritisches Denken erforderliche Fähigkeiten
Kritisches Denken erfordert mehr als das Verstehen und Anwenden der oben genannten Elemente. Du benötigst auch spezielle Fähigkeiten. Einige davon hast du vielleicht schon, und wenn du nicht über alle diese Fähigkeiten verfügst, kannst du sie einfach trainieren. Um kritisch denken zu können, benötigst du die Fähigkeiten, die in Tabelle 2 aufgelistet sind. Auch wenn diese Fähigkeiten nicht immer in der angegebenen Reihenfolge angewendet werden, musst du sie kennen und verstehen, wie sie angewendet werden.
Hast du dich jemals gefragt, wie unser Verstand eigentlich arbeitet? Ist es beispielsweise möglich, eine Entscheidung zu treffen, ohne die Situation vorher genau zu verstehen? Natürlich gibt es Menschen, die voreilige Schlüsse ziehen, ohne die Situation vorher genau zu erfassen und ohne auch nur die elementarsten Überlegungen anzustellen. Um den logischen Zusammenhang zwischen den einzelnen Gedanken zu verstehen, muss man rational und klar denken.
Zuerst muss man prüfen, ob es einen logischen Zusammenhang zwischen den Gedanken gibt. Nur weil jemand sagt, dass es einen Zusammenhang gibt, heißt das noch lange nicht, dass er relevant oder sinnvoll ist. Ein Beispiel: Alan ist heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit unter einer Leiter durchgegangen. Gegen Mittag hat sein Chef ihn entlassen. Deshalb glaubt Alan jetzt, dass es Unglück bringt, unter einer Leiter hindurchzugehen, weil er an dem Tag, an dem er unter einer Leiter hindurchging, entlassen wurde. Es gibt keinen schlüssigen Zusammenhang zwischen der Entlassung und dem Unter-der-Leiter-Gehen, außer dass beides am selben Tag geschah.
Dennoch kommt es häufig vor, dass Menschen zwei getrennte Ereignisse miteinander in Verbindung bringen und daraus schließen, dass die ersten beiden Ereignisse das dritte verursacht haben. Suchen wir also von Natur aus einfache Erklärungen für Zufallsereignisse, die uns immer wieder begegnen? Sind wir ständig auf der Suche nach einem Grund?
Wenn ja, dann sind wir mit kritischem Denken deutlich besser bedient. Als kritische Denker trainieren wir unseren Verstand, mehr zu hinterfragen und lassen uns deshalb nicht so leicht täuschen. Wir analysieren Ereignisse, Aussagen und Ergebnisse, um ihre Aussagekraft zu prüfen. Wir hinterfragen und beurteilen.
Um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, die auf Fakten und verlässlichen Beweisen beruht, musst du die in Tabelle 2 aufgeführten Fähigkeiten des kritischen Denkens anwenden. Diese Fähigkeiten beeinträchtigen nicht unbedingt deine Fähigkeit zu argumentieren, sondern unterstützen, entwickeln und festigen deine Argumentation. Sehen wir uns ein Beispiel an, in dem die Anwendung der Fähigkeiten zum kritischen Denken einen Unterschied machen kann.
Claire S. leitet eine Schule im Zentrum einer Kleinstadt. Die Schule befindet sich im 4. und 5. Stock eines Gebäudes gegenüber dem Rathaus. Sie ist gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden, verfügt aber weder über einen Spielplatz noch über Sportanlagen. Es besteht die Möglichkeit, die Schule auf das Gelände eines ehemaligen Hotels zu verlegen, das in einer ländlichen Gegend 10 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. Die Hotelanlage ist in gutem Zustand und bietet einen Swimmingpool und ein weitläufiges Gelände für Aktivitäten im Freien mit Blick auf einen Stausee, der in den Ausläufen eines wunderschönen Gebirgszugs liegt.
Außerhalb der Stadt sind die Mietpreise niedriger und die einzelnen Hotelgebäude sind in Gruppen angeordnet, sodass es einfach ist, Klassenräume um ein Verwaltungsgebäude herum einzurichten. Die Gemeinde um das Hotel herum wächst schnell, da nur wenige Kilometer entfernt eine große Geflügelzuchtanlage ihren Betrieb aufgenommen hat.
Die Stadt, in der die Schule liegt, ist sehr gut an öffentliche Verkehrsmittel und Einkaufsmöglichkeiten angebunden, und viele Eltern wünschen sich gute zusätzliche Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Sie können ihre Kinder an der Schule absetzen und schon ein paar Minuten später bei der Arbeit sein.
Machen wir uns nun einige kritische Gedanken zu diesem Thema für Claire. Dabei werden wir objektiv vorgehen, d. h. ohne unsere persönliche Neigung und Voreingenommenheit einfließen zu lassen.
Zuerst werden wir die Argumente für die Verlegung der Schule herausarbeiten. Auf dem jetzigen Schulgelände gibt es weder Spielplätze noch Sportanlagen. In einem mehrstöckigen Gebäude, das sich über zwei Etagen erstreckt, herrscht ständiger Lärm, wenn Kinder oder Lehrer die Treppen vom Sekretariat und den Lehrerzimmern zu den Klassenräumen hinauf- und hinunterlaufen. Die Mieten im Stadtzentrum sind sehr hoch.
Als Nächstes müssen wir die beiden Optionen – in der Stadt zu bleiben oder aufs Land zu ziehen – bewerten und herausfinden, wie stark oder schwach die Argumente sind. Auf den ersten Blick gibt es starke Argumente für den Umzug der Schule. Ebenso scheint es auf den ersten Blick keine oder nur wenige Argumente gegen den Umzug der Schule zu geben.
Prüfen wir nun, ob es Schwachstellen im Plan gibt, ob die Annahmen vage sind und ob es genügend Beweise für die Argumente gibt. Schauen wir uns auch die Auswirkungen des Umzugs und des Verbleibs an.
Ein Umzug hat Auswirkungen auf das Personal, die Schüler und die Eltern. In der Stadt zu bleiben bedeutet, dass einige Eltern ihre Kinder in der Schule absetzen und in wenigen Minuten bei der Arbeit sein können. Ein Umzug würde bedeuten, dass sie einen Hin- und Rückweg von 20 Kilometern einplanen müssten, was bei besten Verkehrsbedingungen mindestens 30 Minuten dauern würde.
Claire muss also damit rechnen, einige Schüler zu verlieren. Die Frage ist: Wie viele Schüler werden nicht umziehen? Die nächste Frage lautet: Wie lange wird es dauern, bis die Schule alle neuen Schüler aus der Gemeinde aufgenommen hat? Claire hat keine Fragebögen verschickt, weshalb wir keine Möglichkeit haben, das zu beurteilen. Wir bewegen uns hier also im Bereich der Vermutungen. Außerdem kann es sein, dass Mitarbeiter kündigen, weil sie
- jetzt einen weiteren Weg zur Arbeit und zurück haben.
- vielleicht noch ein Kind in einer anderen Schule haben.
- normalerweise mittags nach Hause fahren, um mit ihren Kindern zu Mittag zu essen.
- vielleicht Großeltern haben, die auch in der Stadt wohnen und oft auf die Kinder aufpassen.
All diese Möglichkeiten fallen weg, wenn die Schule umzieht.
Wenn wir den Umzug aus einer kommerziellen Perspektive betrachten, müssen wir die malerische Aussicht, den Stausee und die Berglandschaft außer Acht lassen. Sie haben keinen kommerziellen oder akademischen Wert für die Entscheidung. Wenn du diese Übung für ein Wellness-Zentrum machen würdest, das Meditation und Entspannung anbietet, wäre die Landschaft natürlich viel relevanter.
Als Unternehmer oder Investor würdest du an dieser Stelle die Finanzberichte einsehen wollen, aber das ist hier nicht das Thema. Zurück zum Fallbeispiel: Claire kann die abgehenden Lehrkräfte ersetzen, auch wenn das für die Schüler unangenehm ist. Wenn aber mehr als zwei Lehrkräfte gehen, kann das zu monatelangen Problemen führen.
Für Eltern, die ihre Kinder in der Schule behalten wollen, wäre die Bildung von Fahrgemeinschaften eine Möglichkeit. Die niedrigeren Mieten werden dazu beitragen, die durch den Umzug entstandenen Schülerlücken zu schließen, aber auch hier stellt sich die Frage, wie viele Schüler sich die Schule leisten kann zu verlieren und wie schnell eine Lücke geschlossen werden kann.
Für eine effektive Analyse und Bewertung ist natürlich ein grundlegendes Verständnis der Logik erforderlich.
Die Logik hinter kritischem Denken
Um unsere Denkfähigkeit effektiv nutzen zu können, müssen wir die Grundprinzipien der Logik verstehen. Logik ist eine Methode, um aus Informationen Schlussfolgerungen zu ziehen. Als solches ist sie ein Werkzeug, das du in deinem Leben benutzen solltest.
Logik ist ein grundlegender Teil der Philosophie und auch der Mathematik. In der philosophischen Welt der Logik gibt es zwei Hauptrichtungen: die informelle Logik und die formale Logik.
Kritisches Denken wird als „informelle“ Logik bezeichnet, obwohl die Struktur und die Disziplin, die für kritisches Denken erforderlich sind, alles andere als informell sind. Die informelle Logik wird vielmehr als der Prozess betrachtet, der im täglichen Leben und in Diskussionen angewandt wird. Die formale Logik, soweit sie für uns von Interesse ist, wird als klassische elementare Logik oder Logik erster Stufe bezeichnet.
Bevor wir fortfahren, müssen wir einige Fachbegriffe verstehen. Der erste ist „Argument“. Viele kennen bereits die andere Bedeutung, nämlich die eines hitzigen Streits oder einer lautstarken Auseinandersetzung. In der Logik ist ein Argument jedoch eine oder mehrere Aussagen oder Sätze, die durch eine oder mehrere Prämissen und Behauptungen gestützt werden und zu einer Schlussfolgerung führen, die entweder behauptet oder abgeleitet wird. Wir können die Elemente der Logik also wie folgt beschreiben∗:
- These
- Eine Aussage, die als Grundlage für ein logisches Argument dient. Sie ist entweder zutreffend (wahr) oder nicht zutreffend (falsch).
- Prämissen
- Auch Annahmen genannt – sie werden verwendet, um das Argument aufzubauen und zu stützen.
- Konklusion
- Das Ergebnis des Argumentationsprozesses wird aus den Prämissen gezogen oder abgeleitet.
Betrachten wir dazu ein Beispiel. Das Argument lautet wie folgt:
- These
- Wer in Arkansas lebt, lebt in den USA.
- Prämisse
- Wer in den USA lebt, lebt in Nordamerika.
- Konklusion
- Jede Person, die in Arkansas lebt, lebt in Nordamerika.
- Erläuterung
- Die Schlussfolgerung ist wahr, weil die Aussagen und Prämissen eindeutig bewiesen werden können.
Hier wird ein Verfahren angewandt, das deduktives Schließen genannt wird. Andere Argumente könnten induktives Schließen anwenden. Unter bestimmten Umständen kann das Argument sowohl auf deduktivem als auch auf induktivem Schließen beruhen. Wir werden uns später mit der induktiven Argumentation befassen, aber zunächst hier ein weiteres Beispiel für deduktives Schließen.
- These
- Alle Bäume haben Blätter.
- Prämisse
- Die Bäume in meiner Nachbarschaft verlieren im Winter ihre Blätter.
- Konklusion
- Bäume verlieren im Winter ihre Blätter.
- Erläuterung
- Sowohl die These als auch die Prämisse sind wahr, aber die Konklusion ist nur unter bestimmten Umständen wahr. Wenn wir folgern, dass alle Bäume im Winter ihre Blätter verlieren, dann ist die Folgerung falsch.
Um die Konklusion zu korrigieren, müssen wir ein Wort an den Anfang setzen. Die geänderte Konklusion sollte lauten:
Laubbäume verlieren im Winter ihre Blätter. Jetzt ist die Aussage präziser und die Schlussfolgerung ist jetzt zutreffend.
Die Auseinandersetzung mit dem obigen Argument ist ein Beispiel für die Überprüfung eines Beweises für ein Argument. Im Wesentlichen haben wir die logische Richtigkeit der Prämissen und der Konklusion überprüft. Damit ein Argument als zutreffend gilt, müssen alle Prämissen und die Konklusion wahr sein. Wenn das Argument diese Bedingungen nicht erfüllt, ist es nicht zutreffend.
Man könnte meinen, dass der gesunde Menschenverstand zum gleichen Ergebnis kommt wie die obige Argumentation. Wenn wir jedoch den gesunden Menschenverstand als das definieren, was von jedem Menschen in einer bestimmten Situation erwartet wird, wird deutlich, dass die Logik umfassender und präziser ist. Was genau ist zum Beispiel mit „jeder Mensch“ in der obigen Definition gemeint? Ist damit jeder Mensch auf der Welt gemeint oder nur Menschen mit einem bestimmten Bildungshintergrund? Bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass der gesunde Menschenverstand nicht so weitverbreitet ist.
Beim Analysieren und Bewerten eines Arguments kann es passieren, dass du den vorgelegten Beweisen misstraust und sie infrage stellen möchtest. Es kann auch sein, dass du Schlüsse aus den Prämissen ziehst. Sobald du anfängst, Schlussfolgerungen zu ziehen oder Thesen infrage zu stellen, solltest du regelmäßig überprüfen, ob deine Vorurteile oder Voreingenommenheit deine Objektivität beeinträchtigen. Bedenke, dass auch Emotionen eine Rolle spielen und dass du deshalb eine emotionale Distanz zwischen dir und dem Thema aufbauen musst. Allzu oft führen emotionale oder voreingenommene Sichtweisen zu falschen Schlussfolgerungen, die unser Urteilsvermögen beeinträchtigen können.
Um unvoreingenommen und emotionsfrei an Aussagen und Fragen heranzugehen, ist es wichtig, offenzubleiben. Offenheit ist besonders wichtig, wenn es um die Bewertung von Alternativen geht, da man das Thema von verschiedenen Positionen oder Standpunkten aus betrachten muss. Der Versuch, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, ist in gewisser Weise wie das Ausloten von Grenzen. Stell dir vor, du gehörst zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die mit verbundenen Augen in einen dunklen Raum geführt werden. In diesem Raum befindet sich ein Elefant. Jeder von euch wird zu einem anderen Teil des Raumes geführt und gebeten zu beschreiben, was er vor sich fühlt. Da jeder von euch einen anderen Teil des Elefanten spürt – der eine spürt den Stoßzahn, der andere ein Bein, wieder ein anderer den Bauch – beschreibt ihr den Elefanten alle unterschiedlich.
Erst wenn ihr die Augenbinde abnehmt, seht ihr das ganze Bild. Die Dinge aus allen anderen Blickwinkeln zu sehen, ist so, als würde man den Leuten im Raum mit dem Elefanten die Augenbinde abnehmen.
Beim sokratischen Fragen geht es nicht darum, dass du versuchst, anstrengend zu sein – und es mag Leute geben, die dir das vorwerfen. Vielmehr versuchst du, dein Verständnis der Situation zu vertiefen. Wenn du zum Beispiel herausfindest, dass andere Menschen ganz andere Wertvorstellungen haben als du, kannst du anfangen, ihre Überzeugungen zu hinterfragen. Je nachdem, wie du die Fragen stellst, werden sie unterschiedlich reagieren. Im Extremfall reichen die Reaktionen von Abwehr, Spott und Demütigung bis zu Wut. Deine Fragen sollten aber auch darüber hinausgehen. Wenn du auf der Suche nach Wahrheit und Ehrlichkeit bist, solltest du auch deine eigenen Überzeugungen infrage stellen, nicht nur die der anderen.
Um auf die Geschichte von Dave und Larry vom Anfang dieses Kapitels zurückzukommen: Dave war mein Bruder. Es vergingen Tage, bis mich die Nachricht von seinem Tod erreichte. Ich befand mich gerade auf einem anderen Kontinent und zeltete an der Südküste Portugals.
Zu dieser Zeit hatte ich noch keine Ahnung von kritischem Denken. In all den Jahrzehnten, in denen ich über dieses Ereignis nachdachte, dachte ich immer, dass Dave ein unschuldiges Opfer von Larrys unverantwortlichem Verhalten war. Zumindest glaubte ich das, bis ich anfing, den Vorfall kritisch zu betrachten.
Wie ich meinen Bruder kenne, hatte er wahrscheinlich ein paar Drinks getrunken, als er seinen Freund, den Barkeeper des Hotels, besuchte. Hat das vielleicht eine Rolle dabei gespielt, wie die Nacht für die beiden jungen Männer endete?
Vor einigen Jahren stand meine Schwester in der Schlange, um ihren Geburtsnamen bei einer Behörde anzugeben. Die Frau hinter ihr sagte: „Den Namen habe ich schon mal gehört. Hattest du nicht einen Bruder, der bei einem Motorradunfall in der Nähe von Grahamstown ums Leben kam?“ Es stellte sich heraus, dass sie Larrys Schwester war, die an dem Tag heiratete, an dem Larry und Dave frontal zusammenstießen. Offenbar war Larry seit dem Unfall nicht mehr in der Lage, eine Beziehung zu führen oder einen Job zu behalten.
Als ich hörte, wie sehr Larry mit seinem Leben kämpfte, wurde mir schlagartig klar, dass scheinbar kleine Entscheidungen einen großen Einfluss auf die Zukunft haben können. Natürlich ist dies nur ein extremes Beispiel für die Folgen einer unüberlegten oder schlecht durchdachten Entscheidung. Doch wenn man dieses Ereignis kritisch betrachtet, muss man der Analyse der möglichen Folgen genauso viel Aufmerksamkeit schenken wie der Analyse der wahrscheinlichen Folgen.
Dieser Vorfall und die Analyse, die ich viele Jahre später vornahm, haben mir gezeigt, wie einfach es ist, Urteile zu fällen, ohne kritische Denkprozesse anzuwenden. Da der Unfall meinen Bruder betraf, habe ich zum Beispiel jahrzehntelang alle Vorurteile und Voreingenommenheit, die enge Familienbeziehungen mit sich bringen, in mein Denken einbezogen und Larry die Schuld an dem Unfall gegeben. Aber die Wahrheit ist, dass niemand jemals wirklich wissen wird, was in dieser Nacht auf der Straße passiert ist. Wir kennen nur das Ergebnis und tragen unsere Wunden und Narben.
Übungen und Aufgaben
Alle Übungen, Aufgaben oder Herausforderungen sind völlig freiwillig. Sie dienen dazu, deine Aufmerksamkeit auf wichtige Aspekte deines Weges durch den sokratischen Denk- und Hinterfragungsprozess zu lenken.
Übung zum Thema „allgemein akzeptierte Weisheit“
Lies die folgende Diskussion zum Thema „allgemein akzeptierte Weisheit“ und beantworte die Fragen darunter.
Der Begriff „allgemein akzeptierte Weisheit“ wird seit Jahrzehnten verwendet, ohne dass man sich über seine Bedeutung wirklich einig ist. Eine Definition lautet: „Die übliche Art und Weise, Dinge zu tun, und die üblichen Praktiken, denen man folgt“. Diese Definition ist jedoch zu eng gefasst und ähnelt eher den Definitionen der gängigen Praxis oder des Status quo.
Eine andere Definition lautet: „Allgemeines Wissen, das für wahr gehalten wird, aber nicht unbedingt wahr ist“.∗ Dies kommt einer umfassenderen Definition näher, da sie einen gewissen Zweifel ausdrückt. Dann gibt es noch diese Definition, die von einer Fokusgruppe abgeleitet wurde:
Allgemein akzeptierte Weisheit steht im Gegensatz (aber nicht notwendigerweise im Widerspruch) zu Wissen und wissenschaftlicher Vernunft.∗
Mit anderen Worten, sie kann ein Hindernis für persönliches Wachstum, Objektivität und Forschergeist sein. So wie die Dinge heute stehen, scheint es, dass die allgemein akzeptierte Weisheit nicht infrage gestellt werden muss. Das sollte sie aber. Sie sollte der Ausgangspunkt für jedes Argument sein, das man analysiert.
Konventionelle Weisheit wird oft mit allgemein akzeptierter Weisheit gleichgesetzt, ist aber nicht dasselbe, auch wenn beide dein Recht, Fragen zu stellen, auf wenig hilfreiche Weise einschränken. Der Begriff „konventionelle Weisheit“ wurde erstmals von John Kenneth Galbraith in seinem Buch Gesellschaft im Überfluss∗ verwendet und beschreibt eine Reihe von Überzeugungen und Denkmustern, die von der Gesellschaft als angenehm und akzeptabel angesehen werden. Im Wesentlichen handelt es sich um weitverbreitete Überzeugungen, die von den meisten Menschen geteilt werden. Das Ergebnis dessen, was für die Gesellschaft „angenehm und akzeptabel“ ist, führt jedoch allzu oft dazu, dass neue Ideen abgelehnt oder der Fortschritt behindert wird.
Wenn man bedenkt, dass „Weisheit die Fähigkeit ist, Erfahrung und Wissen zu nutzen, um rationale Entscheidungen oder Urteile zu fällen“∗, ist es höchste Zeit, die eigene Weisheit zu hinterfragen. Der Reflexionsprozess besteht aus zwei Aufgaben.
-
Erinnere dich an deine Kindheit oder deine Schulzeit und suche nach allgemein akzeptierten Weisheiten, die du infrage stellen kannst. Dabei geht es nicht darum, die allgemein akzeptierte Weisheit zu widerlegen, sondern vielmehr darum, die Gültigkeit alter Überzeugungen zu hinterfragen und herauszufinden, ob sie im 21. Jahrhundert noch Bestand haben.
Dabei kann es sich um die Aussagen eines Elternteils, der Großeltern, eines Lehrers, eines Dozenten oder eines Mentors an der Universität oder am Arbeitsplatz handeln. Allgemein akzeptierte Weisheiten können die Form von Wertesystemen oder Überzeugungen annehmen, wie zum Beispiel, dass ein Handschlag alles ist, was man benötigt, um ein Geschäft abzuschließen. Wähle deine eigene allgemein anerkannte Weisheit und frage dich, ob du immer noch nach den Werten von damals lebst oder ob sich deine Weltanschauung inzwischen geändert hat.
Zu Beginn dieses Kapitels haben wir uns mit dem Hinterfragen von Aberglauben beschäftigt. Diese Übung ist Teil eines ähnlichen Prozesses: Sie stellt traditionelle Überzeugungen infrage.
-
Lies die Diskussion über allgemein akzeptierte Weisheiten noch einmal, mit dem Unterschied, dass du sie diesmal kritisch hinterfragst. Wende das, was du über kritisches Denken gelernt hast, auf den Argumentationsprozess an, unterteile ihn in kurze Einheiten und analysiere jede dieser Einheiten. Überlege, was jede Aussage bedeutet und ob sie dem Argument Wert und Gewicht verleiht.
Kapitelzusammenfassung
Zu den Elementen kritischen Denkens und ihrer Anwendung gehören:
- Offenheit, d. h. die Suche nach neuen oder anderen Perspektiven
- eine analytische Herangehensweise an die Fragestellung
- Systematisches Vorgehen beim Aufbau einer Argumentation oder beim Aufspüren von Schwachstellen in einer Argumentation
- Neugierde, wenn nicht angeboren, so doch trainiert
- Evaluierungsmethoden, um Beweise zu bewerten, bevor Schlussfolgerungen gezogen werden
- Wahrheitssuche, Ethik und die Bereitschaft, Fehler zuzugeben
- Überzeugung beim Argumentieren und beim Abwägen von Alternativen
Die Arbeit mit den Elementen des kritischen Denkens erfordert den Einsatz bestimmter Fähigkeiten, wie Wahrnehmung, Reflexion, Interpretation, Problemlösung, Analyse und Bewertung.
Ein Verständnis der Logik, die dem kritischen Denken zugrunde liegt, hilft dir, Argumente, die dir vorgelegt werden, infrage zu stellen und starke eigene Argumente zu entwickeln.
Kritisches Denken ist ein zentraler Bestandteil der sokratischen Methode des Hinterfragens und Denkens. Die systematische Anwendung von Logik, unterstützt durch Bewertung und Analyse, die Bereitschaft, tiefgründige Fragen zu stellen, das Vertrauen in das eigene Denken und die Bescheidenheit, zuzugeben, dass man sich geirrt hat – all das verkörpert den Geist des sokratischen Dialogs.
Im nächsten Kapitel werden wir uns damit beschäftigen, wer Sokrates war und wie er für seine Denk- und Hinterfragungsmethode berühmt wurde.
Du lernst, einen Sachverhalt zunächst zu verstehen und dann nach Schwachstellen in einer Argumentation zu suchen. So lernst du, Alternativen zu reflektieren und Grenzen zu erkennen.
Die Sokratische Methode ist effektiv und vorteilhaft, weil:
- sie mit einer anfänglichen Definition oder Meinung zu einem Thema beginnt.
- sie eine Frage stellt, die eine Ausnahme von dieser These oder Meinung aufwirft.
- der sich daraus ergebende Dialog zu einer besseren Definition oder einer alternativen Meinung führt.