Du hast bei der Arbeit eine Aufgabe zu lösen. Du weißt, dass sich zur Lösung des Problems so vieles ändern müsste. Du spielst mit der Möglichkeit, einen weitreichenden Plan zu entwickeln, um das eigentliche Grundproblem, um das es geht, zu lösen.
Aber du weißt, dass das nicht machbar ist. Du hast weder Zeit noch Energie, um den Status quo infrage zu stellen. Du weißt, dass du auf den Widerstand anderer Menschen stoßen wirst. Deshalb erstellst du am Ende einen soliden Plan. Aber einen, der nicht allzu viel Aufsehen erregt und nicht die notwendigen Veränderungen herbeiführt. Trotzdem kannst du ein Gefühl der Unzufriedenheit nicht loswerden, während du diesen uninspirierten Plan erstellst.
Hast du manchmal das nagende Gefühl, dass du etwas besser machen könntest? Dass dein Gehirn zu so viel mehr in der Lage ist, als nur kleine, langweilige Aufgaben zu erledigen? Hast du tolle Ideen, aber nicht immer die Zeit oder Energie, sie umzusetzen?
Du willst das Beste aus deiner Arbeit und deinem Leben machen, aber es gibt zu viele konkurrierende Anforderungen an deine Zeit. Es ist schwer, zu wissen, wo man anfangen soll. Manchmal scheint es einfacher zu sein, nur das Nötigste zu tun.
Dass kritisches Denken eine wichtige Fähigkeit in der heutigen Arbeitswelt ist, hast du vielleicht schon gehört. Die meisten Arbeitgeber geben an, dass sie nach Bewerbern mit diesen Fähigkeiten suchen, aber Schwierigkeiten haben, sie zu finden. Jeder Lehrplan in der Schule befasst sich mit der Frage, wie diese Fähigkeiten und Fertigkeiten gefördert werden können.
Kritisches Denken ist in den Unternehmen zu einem Schlagwort geworden, ebenso wie Synergie oder Kernkompetenz. Im Gegensatz zu diesen leeren Worthülsen steht kritisches Denken jedoch für eine bewährte Tradition des tiefen Verständnisses und der Problemlösung, die unsere Gesellschaft unermesslich vorangebracht hat. Ohne kritisches Denken wären Wissenschaft, Technik und Philosophie nicht möglich.
Vielleicht denkst du auch, dass kritisches Denken zeitaufwendig ist. Wer hat schon die Zeit, sich hinzusetzen und über jede einzelne Entscheidung nachzudenken? Du hast zu 100 % recht.
Es ist unpraktisch und Zeitverschwendung, bei jeder noch so kleinen Entscheidung die ganze Kraft des kritischen Denkens aufzubringen. Aber wenn es um eine wichtige Entscheidung geht, ist es nicht nur wahrscheinlicher, dass du die richtige Entscheidung triffst, sondern du sparst auch Zeit, wenn du kritisch denkst.
Die Fähigkeiten, die du durch kritisches Denken erlangst, geben dir die Weitsicht, vorauszusehen und dich auf zeitraubende Probleme vorzubereiten. Nichts spart mehr Zeit, als die Dinge gleich beim ersten Mal richtigzumachen.
Ich möchte dich auf dieser Reise inspirieren. Ich bin seit mehr als einem Jahrzehnt als Pädagoge tätig und habe viele weitere Jahre sowohl in privaten als auch staatlichen Institutionen gearbeitet. Außerdem bin ich promovierter Politikwissenschaftler. Aber noch wichtiger ist mein persönliches Engagement für klares und zielgerichtetes Denken, wie ich es seit vielen Jahren in der Ausbildung von Studierenden und Mitarbeitern praktiziere. Dieses Buch spiegelt hoffentlich meine Leidenschaft für das Thema wider.
Bist du bereit dafür, die Welt ein wenig besser zu verstehen? Bist du bereit, neue und bessere Lösungen für die Probleme deines Lebens zu finden? Entdecke mit mir, wie du kritisches Denken erlernen kannst, um positive Veränderungen in deinem Leben herbeizuführen. Durch die Lektüre dieses Buches können wir gemeinsam die Kraft des kritischen Denkens entfesseln.
Shaiel Ben-Ephraim
Der Tod des Sokrates
Die Herrscher Athens verurteilten den größten Verstand seiner Generation zum Tode durch den Schierlingsbecher. Eine grausame Art zu sterben. Der ganze Körper des Philosophen wurde gelähmt, bevor das Gift seine Blase überwältigte. Sokrates hatte Schaum vor dem Mund und litt an Atemnot. Schließlich führte ein massiver Krampfanfall zum Tod.
Viele warfen Sokrates vor, „den Göttern der Stadt nicht zu glauben, neue Götter einzuführen und die Jugend zu verderben“∗. In seiner informellen Rolle als Lehrmeister hatte Sokrates vielen der Jüngsten und Klügsten das Hinterfragen aller Annahmen beigebracht. Er lehrte sie, dass Ideen nicht unbedingt richtig sind, nur weil ihre Eltern oder Herrscher es sagten. Sokrates lehrte seinen Schülern, jede Idee allein danach zu beurteilen, ob sie begründet sei.
Obwohl er beschuldigt wurde, die Autorität zu untergraben, unterstützte Sokrates niemals eine Rebellion um ihrer selbst willen. Stattdessen bestand er darauf, dass Ideen, die von den Verantwortlichen verbreitet werden, nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Statt ein bestimmtes Machtgefüge zu verteidigen, lehrte Sokrates seine Schüler, nach der Wahrheit zu suchen. Nach Sokrates Tod setzten seine Schüler Platon und Aristoteles diese Tradition fort. Der Mann war tot, aber sein Vermächtnis ist unsterblich∗.
Die von ihm entwickelte Lehrmethode ist noch heute als Sokratische Methode bekannt und basiert auf der Entwicklung von Ideen durch einen ständigen Dialog. Jedes Thema wird aufgeschlüsselt und in seine Grundannahmen zerlegt. Jede Hypothese wird einer schonungslosen Prüfung unterzogen. Dabei spielt es keine Rolle, wer sie aufgestellt hat und warum∗.
Der Sokrates-Prozess verdeutlicht, wie wichtig die Infragestellung etablierter Autoritäten und Informationsquellen ist. Auf der einen Seite stehen die Mächte, die beschlossen, das Leben des Philosophen zu beenden. Auf der anderen Seite war das Denken des Sokrates Inspiration für eine lange Tradition∗.
Kritisches Denken ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Fortschritts. Wissenschaft und Fortschritt, wie wir sie heute kennen, wären ohne das Hinterfragen von Autoritäten und allgemeinem Wissen nicht möglich. Ohne die Bereitschaft der Wissenschaftler, die wörtliche Auslegung der Bibel infrage zu stellen, wäre die Evolutionsforschung nicht möglich. Was wäre, wenn wir immer noch glaubten, die Welt sei eine Scheibe? Oder dass Könige ein göttliches Recht zur Herrschaft haben?
Kritisches Denken gehört zu den gefragtesten Fähigkeiten in der modernen Wirtschaft. In einer großangelegten Umfrage unter amerikanischen Wirtschaftsführern stimmten 93 % der Befragten der Aussage zu, dass „die nachgewiesene Fähigkeit, kritisch zu denken, klar zu kommunizieren und komplexe Probleme zu lösen, wichtiger ist als das Studienfach“∗. Indem wir kritischer denken, werden wir zu vielseitigeren Menschen. Es schadet nicht, dass wir auf diese Weise auch unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen∗!
Wie lässt sich kritisches Denken definieren
Wenn Menschen den Begriff „kritisches Denken“ verwenden, kann er eine Vielzahl von Bedeutungen haben. Für ein vollständiges Verständnis des Konzepts sind jedoch einige Elemente unerlässlich.
Eine der bekanntesten Definitionen des Begriffs stammt aus dem Delphi-Projekt:
„Ein zielgerichtetes, selbstbestimmtes Urteil, das zu einer Interpretation, Analyse, Bewertung und Schlussfolgerung führt, sowie eine Erläuterung der begründeten, konzeptionellen, methodischen, kriteriologischen oder kontextuellen Überlegungen, auf denen dieses Urteil beruht“∗.
Eine gute Übersetzung dieser Definition für den Laien wäre die Fähigkeit, gründlich und unabhängig über zusammenhängende Ideen nachzudenken und diese Ideen auf Fakten zu stützen. Es geht um die Ausrichtung der gesamten Kraft unseres Denkens auf die Lösung von Problemen in der realen Welt.
Wie wird das gemacht? Um relevantes Wissen zu erlangen, sammeln und kategorisieren kritische Denker Evidenzdaten, die für ihr Problem von Bedeutung sind. Wenn die verschiedenen Elemente des Problems und seiner möglichen Lösung verstanden werden, verbinden kritische Denker die verschiedenen Teile eines Problems zu einem praktikablen Ganzen.
Wenn ein kritischer Denker ein Problem analysiert und es in verständliche Definitionen und Kategorien einteilt, wird er dieses Wissen nutzen, um das Problem zu lösen.
Anschließend stellt er die für das Verständnis und die Definition des Problems und aller seiner Komponenten erforderlichen Verbindungen her.
Ein weiterer Ansatz zur Definition von kritischem Denken ist die Betrachtung dessen, was kritisches Denken nicht ist. Menschen können sich von dem Wort „kritisch“ abgeschreckt fühlen. Es geht nicht darum, Dinge zu kritisieren, die uns nicht gefallen. Gibt es jemanden bei der Arbeit, der dir nicht gefällt? Ist dir schon einmal aufgefallen, dass du jedes Mal, wenn derjenige redet, versuchst, etwas Falsches an dessen Ideen zu finden? Das ist kein kritisches Denken. Das ist einfach nur kritisieren.
Kritisches Denken ist keine Methode, um Ideen zu verteidigen, denen man zustimmt. Manchmal, wenn wir uns streiten, verteidigen wir brillant unseren Standpunkt und gehen davon aus, dass alles, was die andere Seite sagt, falsch ist. Das kann man bei fast jedem Streit in den sozialen Medien beobachten. Wenn wir unseren Verstand benutzen, um einen Punkt zu beweisen, den wir nicht durchdacht haben, dann denken wir nicht kritisch, egal, wie gut wir es tun.
Wir versuchen oft, Ideen zu unserem eigenen Vorteil besser oder schlechter zu machen, als sie sind. Das ist kein kritisches Denken.
Ein kritischer Denker ist nur daran interessiert, die Stärke eines Arguments so zu bewerten, wie es ist, ohne die Realität in die eine oder andere Richtung zu verzerren. Wenn wir kritisches Denken anwenden, versuchen wir, Argumente, die wir mögen oder nicht mögen, objektiv und fair zu behandeln.
Wozu wird kritisches Denken gebraucht?
Wenn du dich mit kritischem Denken beschäftigst, hast du nur ein Ziel vor Augen: die Suche nach der Wahrheit. Dein Streben nach Wahrheit bedeutet, dass du in der Lage bist, Täuschungen zu vermeiden und zu erkennen, welche Tatsachen wahr sind. Denn jetzt weißt du, wie du Fakten von Verdrehungen trennen kannst, um zu echten Lösungen zu kommen∗.
Hast du manchmal das Gefühl, dass die Welt um dich herum verkehrt funktioniert? Hast du dich schon einmal gefragt, warum du auf so viele unorganisierte und ineffiziente Systeme triffst? Hast du schon einmal gedacht, dass du etwas besser machen könntest, wenn du die Chance dazu hättest?
Wahrscheinlich ist das so. Allzu oft stoßen wir auf Inkompetenz und Unzulänglichkeit. Das liegt vor allem daran, dass wir bestehende Traditionen und Prozesse nicht infrage stellen. Bei bestehenden Systemen handelt es sich in der Regel nicht um das Produkt eines Designs. Stattdessen sind die Systeme, auf die wir stoßen, von überholten sozialen Überzeugungen, kulturellen Normen und schlichter Trägheit geprägt. Menschen mit Autorität sagen uns, was wir zu glauben haben, und nur allzu oft akzeptieren wir die gängige Weisheit.
Kritisches Denken gibt uns die Mittel, dies zu durchbrechen. Kritisches Denken hilft uns, bessere Entscheidungen zu treffen – von kleinen Problemen wie der Frage, wohin wir in den Urlaub fahren, bis zu großen Problemen wie der Frage, wen wir heiraten sollen.
Diese Fähigkeiten sind in der heutigen Wirtschaft mit ihrem Schwerpunkt auf Start-ups und Unternehmertum unerlässlich. Technologieunternehmen befürworten den Ansatz der „disruptiven Innovation“∗. Ziel ist die Schaffung neuer Märkte und Wertesysteme und die Verdrängung bestehender Geschäftsmodelle. Ein disruptiver Plan ist eine Übung in kritischem Denken. Um ein bestehendes Modell zu ersetzen, musst du es zunächst untersuchen und seine Stärken und Schwächen bewerten. Dann entwirfst du einen effizienteren Plan, indem du die traditionellen Muster des „Alltagsdenkens“ ignorierst.
Amazon hat den Buchmarkt erobert, indem es den traditionellen Markt aufgebrochen hat. Buchhandlungen waren beliebte Ladenlokale und es war üblich, in eine Buchhandlung zu gehen, um ein Buch zu kaufen oder es in einem Zweitehandladen wieder zu verkaufen. Allerdings gab es auch gravierende Nachteile dieses traditionellen Geschäftsmodells. Es war sehr wahrscheinlich, dass einige Bücher, die von den Kunden gewünscht wurden, wegen des beschränkten Platzes in den Regalen nicht verfügbar waren. Die Buchpreise waren hoch, weil die Gemeinkosten sehr hoch waren. Außerdem konnten die Buchhandlungen ihre Kunden nicht effizient über neue Bücher informieren.
Amazon revolutionierte den Buchverkauf, indem es von außen in den Markt einstieg. Jeff Bezos, der Geschäftsmann hinter dem Unternehmen, hatte kein Interesse an der Bewahrung der Tradition. Seine Aufgabe bestand vielmehr darin, das Internet zu nutzen, um Dienstleistungen effizient anzubieten. Erst nach Prüfung verschiedener ineffizienter Branchen entschied er sich für den Buchhandel.
Er entschied, lieber Bücher als andere Produkte zu verkaufen, da die Kunden sie nicht ausprobieren oder kosten mussten. Sie waren gut geeignet für Fernabsätze. So unangenehm es klingen mag, aber aus ökonomischer Sicht waren Buchhandlungen überflüssig geworden.
Aus dieser Erkenntnis heraus entwarf Bezos ein System, das die Schwächen des Buchhandelsmodells überwinden sollte. Das Problem der Informationsvermittlung wurde gelöst, indem Empfehlungen und Bewertungen auf der Startseite der Website hervorgehoben wurden. Amazon überwand das Problem der Lagerhaltung, indem es Bücher in riesigen Lieferzentren im ganzen Land lagerte. Gleichzeitig wurden die Buchpreise gesenkt, indem man sich mit großen Mengen eindeckte und weniger Gemeinkosten hatte∗.
Was Jeff Bezos entwickelte, war eine einfache und intuitive Lösung für ein Problem, das in der traditionellen Industrie schon seit Langem besteht. Revolutionär war, dass er die gängigen Werte und Weisheiten der Buchbranche ignorierte. Stattdessen hinterfragte Bezos kritisch jede der Annahmen, die der Branche zugrunde lagen. Amazon ist das Produkt kritischen, sehr profitablen und erfolgreichen Denkens.
Worin besteht kritisches Denken?
Der Prozess des kritischen Denkens umfasst wiederkehrende Konzepte und Komponenten.
- Wahrnehmung
-
Der erste Schritt, um über etwas kritisch nachzudenken, ist die Wahrnehmung der Situation. Wir können uns eines zu lösenden Problems nur bewusst werden, wenn wir es vorher wahrgenommen haben. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass unsere Wahrnehmung nicht objektiv oder neutral ist. Unsere Wahrnehmung ist die Art und Weise, wie wir die objektive Realität durch unsere subjektiven Wertesysteme interpretieren.
Nehmen wir zum Beispiel an, du stellst gerade dein monatliches Budget auf. Vielleicht stellst du fest, dass du nicht in der Lage bist, einen größeren Geldbetrag zu sparen. Aber wie wichtig es ist, Geld zu sparen, haben dir deine Eltern beigebracht. Dies könnte ein ernsthaftes Problem für die Budgetplanung darstellen. Wenn du von einem Tag auf den anderen lebst, zuckst du vielleicht mit den Schultern und sagst: „Zum Glück habe ich genug!“
- Annahmen
-
Unsere Annahmen sind ungeprüfte Überzeugungen, die wir für selbstverständlich halten. Unser Planen und Handeln basiert – meist unbewusst – auf Annahmen. Um kritisches Denken zu fördern, müssen wir bereit sein, unsere Annahmen kritisch zu überprüfen, um zu sehen, ob sie richtig sind und einen praktischen Nutzen haben. Denk daran, dass du nichts als wahr annehmen kannst, wenn du es nicht gründlich überprüft hast.
Um auf das vorige Beispiel zurückzukommen: Keine der beiden Tendenzen ist notwendigerweise die richtige. Prüfe sie sorgfältig. Wenn du in Zukunft aktiv dein Budget reduzieren willst, ist es vielleicht gar nicht nötig, bis auf den letzten Cent zu sparen. Nichts zu sparen kann ein ernsthaftes Problem darstellen, wenn dein aktuelles Budget langfristig angelegt ist. Was auch immer deine Überzeugungen darüber sind, wie man sparen sollte, prüfe, wie relevant sie für deine aktuelle Situation sind.
- Emotionen
-
Viele Menschen gehen davon aus, dass rationales Denken nur unter Ausschluss von Emotionen möglich ist. Das ist weder wahr noch realistisch. Vielmehr sind Emotionen ein integraler Bestandteil des kritischen Denkprozesses. Wir Menschen sind hochgradig emotional und unsere natürlichen Gefühle beeinflussen jede Entscheidung, die wir treffen. Das ist nichts Schlechtes.
Um die Welt um uns herum zu verbessern, können wir unsere Fähigkeit zum kritischen Denken nutzen. Dies ist ohne die Verwendung von Indikatoren zur Messung von Emotionen nicht möglich. Es ist etwa ein edles und würdiges Ziel rationalen Denkens, die Probleme im Leben unserer Kinder zu lösen. Es ist jedoch belanglos, ohne die emotionale Bedeutung der Elternschaft und der Institution Familie. Zögere nicht, emotionale Bindungen und Indikatoren zu verwenden, um zu bestimmen, welche Probleme wie gelöst werden sollen.
- Sprache
-
Die Worte, die wir benutzen, sind das A und O des kritischen Denkens. Indem wir eine präzise Sprache auf das Problem anwenden, können wir unsere Gedanken von vagen Konzepten in feste Konzepte verwandeln. Voraussetzung für eine kritische Auseinandersetzung mit einem Thema ist eine Definition des Problems und des Lösungsansatzes, die in der Praxis umsetzbar ist. Kritisches Denken ist nur möglich, wenn es gelingt, die Wirklichkeit zu abstrahieren und in Worte zu fassen.
Um auf unser Beispiel der Budgetplanung zurückzukommen und herauszufinden, wie viel Geld wir einsparen müssen, müssen wir verschiedene Konzepte berücksichtigen, z. B. die Inflation. Unser Budget mag für den Moment noch ausreichend sein. Aber wird das auch in Zukunft so sein? Wie wahrscheinlich ist es, dass die Preise steigen? Um zu berechnen, wie viel wir sparen müssen, müssen wir das Konzept der Zinsen verstehen. Wenn wir die relevanten Faktoren in Worte und Konzepte fassen, haben wir ein besseres Verständnis für die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind.
- Argumente
- Im Zusammenhang mit kritischem Denken ist der Begriff „Argument“ von zentraler Bedeutung. Er bezieht sich nicht auf Menschen, die sich lautstark streiten. Stattdessen handelt es sich um eine gut begründete Liste von Annahmen und Prämissen. Diese Annahmen führen zu einer funktionalen und rationalen Schlussfolgerung, wenn sie ein Argument formulieren. Wie bereits erwähnt, untermauern wir logische Annahmen mit Logik und Fakten. Wenn dies nicht der Fall ist, könnten wir Schlussfolgerungen auf der Grundlage einer falschen Logik ziehen∗.
- Trugschlüsse
-
Als „Trugschluss“ bezeichnet man menschliche Neigungen zu unkritischem Denken. Ein Trugschluss ist ein Glaube oder eine Schlussfolgerung, die durch fehlerhafte Logik gewonnen wird. Es handelt sich um ein Argument oder eine Überzeugung, die einer kritischen Prüfung nicht standhalten kann. Auch wenn ein Trugschluss nicht unbedingt falsch ist, so beruht er doch auf einem unlogischen Denkprozess.
Die Wahrscheinlichkeit, zu einer falschen Schlussfolgerung zu gelangen, wird durch die Verwendung von Trugschlüssen im Denkprozess erhöht. Aber so einfach ist das Leben nicht. Manchmal kann ein Denkprozess, der von Trugschlüssen geprägt ist, zu hervorragenden Ergebnissen führen. Erinnerst du dich an das alte Sprichwort: „Auch eine kaputte Uhr geht zweimal am Tag richtig“? Genauso ist es auch hier.
Stell dir zum Beispiel vor, du isst eine Tüte Gummibärchen. Dein Freund sagt zu dir: „Ich wette mit dir um 100 Dollar, dass das nächste, das du aus der Tüte ziehst, grün ist.“ Als du fragst, warum, erklärt dir der Freund: „Das letzte Gummibärchen, das du gegessen hast, war grün, deshalb sind alle Gummibärchen grün.“ Du argumentierst, aber du nimmst die Wette an. Das nächste Gummibärchen, das du herausziehst, ist grün. Dein Freund sagt: „Siehst du!“ In diesem Fall war die Logik deines Freundes zwar fehlerhaft, aber er hatte recht. Dies ist überspitzt formuliert. Aber oft scheinen Trugschlüsse logisch und sogar clevere Argumente zu sein∗.
- Logik
-
Das ist ein Wort für strukturiertes Denken, das dazu dient, Informationen genau zu bewerten. Durch die Analyse der Gültigkeit von Prämissen und Annahmen können kritische Denker zwischen Irrtümern und starken Annahmen und damit zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden. Beim logischen Denken ersetzen wir eine falsche Voraussetzung oder Annahme durch eine gültige∗.
Nehmen wir z. B. an, wir sparen nur zehn Dollar im Monat. Vielleicht geraten wir in Panik und glauben, dass wir immer von der Hand in den Mund leben werden und dass wir radikal ändern müssen, wie wir arbeiten oder leben. Ein logischer Blick auf unser Budget könnte jedoch zeigen, dass dem nicht so ist. Wenn wir zum Beispiel 500 Dollar pro Monat für unser Studiendarlehen zahlen und dieses in ein paar Wochen abbezahlt ist, können wir bald 510 Dollar im Monat sparen! Eine logische Sichtweise auf alle verfügbaren Informationen kann unsere Gesamtbewertung des Problems verändern.
- Problemlösung
- Abstraktes kritisches Denken mag interessant sein, aber es macht die Welt um uns herum nicht besser. Normalerweise wenden wir diese zeitaufwendigen Fähigkeiten an, wenn wir mit einem ernsthaften Problem konfrontiert sind, das gelöst werden muss. Einen besseren Weg zu finden, um ein Problem anzugehen oder ein Ziel zu erreichen, bedeutet nicht viel, wenn man keine Schritte unternimmt, um es in die Praxis umzusetzen∗.
Aktionsschritte
Lass uns eine Übung machen und sehen, welche Rolle kritisches Denken in deinem Leben bisher gespielt hat und wie du es in Zukunft anwenden kannst.
Nimm eine der wichtigsten und schwierigsten Entscheidungen, die du in deinem Leben getroffen hast. Vielleicht bist du in einen anderen Staat oder ein anderes Land gezogen, hast geheiratet, dich von einer wichtigen Person getrennt oder deine Arbeitsstelle gekündigt. Solange man Optionen hatte und es nicht einfach war, zwischen ihnen zu wählen, spielte das keine Rolle.
Als Nächstes machst du Folgendes:
- Schreibe alle Alternativen auf, die du zu der Entscheidung hattest, die du am Ende getroffen hast.
- Schreibe auf, warum du eine den anderen vorgezogen hast.
- Stützten sich diese Gründe auf Fakten, die du gründlich recherchiert hast, oder beruhten sie auf Vermutungen?
- Welche Annahmen lagen dieser Entscheidung zugrunde?
- Woher wusstest du, dass diese Annahmen der Wahrheit entsprachen? Wurde ihre Gültigkeit überprüft?
- Triffst du viele deiner Entscheidungen auf der Grundlage von Annahmen, die nicht fundiert sind? Was sind einige Beispiele?
Beim Treffen von Entscheidungen machen wir viele unbewiesene Annahmen. Manchmal sind sie das Ergebnis unserer Erziehung oder unserer Überzeugungen. In der amerikanischen Gesellschaft wird uns zum Beispiel beigebracht, unsere Schulden zurückzuzahlen und auf unsere finanzielle Unabhängigkeit zu achten. Diese kulturelle Neigung verleitet allerdings manche Menschen dazu, Schulden zu machen, die sie nicht zurückzahlen können, obwohl es viel besser wäre, Konkurs anzumelden.
Vielleicht wurden uns diese Ideen von einer Autoritätsperson vermittelt. Woher sie kommen, wissen wir in der Hälfte der Fälle nicht einmal. Obwohl das Treffen unbegründeter Annahmen völlig normal ist, kann diese Tendenz negative Auswirkungen haben. Dies kann das Treffen falscher Entscheidungen auf der Grundlage falscher Informationen zur Folge haben.
Die gute Nachricht: Es ist nicht schwer, das Problem zu lösen. Bei wichtigen Entscheidungen lohnt es, sich Zeit für die Überprüfung von Annahmen zu nehmen und auf der Grundlage genauer Informationen und stichhaltiger Argumente zu handeln. Ja, es bedeutet etwas mehr Arbeit. Aber am Ende starb Sokrates für sein Recht, die Unwahrheit infrage zu stellen. Sind wir es ihm nicht schuldig, mehr zu tun?
Literaturverzeichnis
- Gill, C. (1973) 'The Death of Socrates,' The Classical Quarterly, 23(1), pp. 25–28.
- Mintz, A. (2006) 'From grade school to law school: Socrates' legacy in education,' in A Companion to Socrates. Oxford: Blackwell, pp. 476–492.
- Hawkins-Leon, C. (1998) 'The Socratic Method-Problem Method Dichotomy,' Brigham Young University Education and Law Journal, 1998(1-2), pp. 1–18.
- Anderson, G. and Piro, J. (2014) 'Conversations in Socrates cafe: scaffolding critical-thinking via Socratic questioning and dialogues,' New Horizons for Learning, 11(1), pp. 1–9.
- Espey, M. (2018) 'Enhancing critical thinking using team-based learning,' Higher Education Research and Development, 37(1), pp. 15–29.
- Dwyer, C., Boswell, A. and Elliott, M. (2015) 'An evaluation of critical-thinking competencies in business settings,' Journal of Education for Business, 90(5), pp. 260–269.
- Facione, P.A. (1990) The Delphi report: executive summary. California: The California Academic Press.
- Vandenberg, D. (2009) 'Critical thinking about truth in teaching: the epistemic ethos,' Educational Philosophy and Theory, 41(2), pp. 155–165.
- Christensen, C., Raynor, M. and McDonald, R. (2015) 'What Is Disruptive Innovation?' Harvard Business Review, 93(12), pp. 44–53.
- Ritala, P., Golnam, A. and Wegmann, A. (2014) 'Coopetition-based business models: The case of Amazon.com,' Industrial Marketing Management, 43(2), pp. 236–249.
- Inch, E. and Tudor, K. (2013) Critical thinking and communication: The use of reason in argument. New York: Pearson.
- Paul, R. (1993) 'The Logic of Creative and Critical Thinking,' American Behavioral Scientist, 37(1), pp. 21–39.
- Hundleby, C. (2010) 'The Authority of the Fallacies Approach to Argument Evaluation,' Informal Logic, 30(3), pp. 279–308.
- Elliott, B., Oty, K., McArthur, J. and Clark, B. (2001) 'The effect of an interdisciplinary algebra/science course on students' problem solving skills, critical thinking skills and attitudes towards mathematics,' International Journal of Mathematical Education in Science and Technology, 32(6), pp. 811–816.